[Käpsele damals] Spätzle(s)presse aus Stuttgart

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Ein Studium in Reutlingen führt mindestens einmal an einem Teller Spätzle in der Mensa vorbei. Das ergibt Sinn, schließlich werden Spätzle von vielen als das schwäbische Nationalgericht gesehen. Nichts gegen die Campus Mensa, aber bekannterweise werden Spätzle am besten, wenn sie selbst hergestellt statt industriell gepresst und wieder aufgewärmt aus dem Warmhaltetrog geschöpft werden. Beim Unterfangen Spätzle-in-selbstgemacht ist natürlich die gute alte Spätzle(s)presse eine nützliche Anschaffung. Aber wo kommt die eigentlich her?

Die kurze Antwort ist „Aus Stuttgart“, aber die lange Antwort ist eine inspirierende Geschichte über Erfindergeist, Wiederaufbau und Liebe. Grade für nei’gschmeckte Studierende ist es oft überraschend zu erfahren, dass die Spätzlespresse in Stuttgart erfunden wurde. Bad Cannstatt, um genau zu sein. Der Tüftler hinter der Erfindung war der gelernte Maschinenschlosser Robert Kull aus Stuttgart-Münster, Jahrgang 1887. Zu seiner Erfindung kam er aus Zufall oder man könnte auch sagen, aus Liebe. Weil er für sein Leben gern das (andere) schwäbische Nationalgericht Gaisburger Marsch aß, seiner Frau Pauline aber das mühselige Teigschaben ersparen wollte, erfand er 1936 eine Maschine dafür.

So viel Erfindergeist für die eigene Ehe – Pauline und Robert klingen nach Couple Goals, lange bevor der Begriff die Runde machte. Am 1. Januar 1936 begann Kull damit, in der Cannstatter Neckartalstraße 117 seine Apparate zu produzieren. Drei Jahre später erhielt er sein Patent für die Erfindung, welche Biografien zufolge das größte berufliche Glück seines Lebens war. Aber es lief nicht immer alles glücklich: Nach dem Krieg musste die 1944 ausgebombte Fabrik wiederaufgebaut werden. Natürlich lässt sich ein ausgewachsener Macher davon nicht aufhalten: Bis ins Alter von 80 Jahren leitete Kull sein Unternehmen, ehe er es an seinen Enkel übergab. 1974 starb Kull im stolzen Alter von 89 Jahren. Seit 2015 findet man sein Unternehmen in Schorndorf-Weiler.

Die Produktion der Pressen dagegen liegt inzwischen nicht mehr in Stuttgart, sondern wurde ins Umland verlegt. Eine Kull-Spätzlespresse wird in Schöntal im Hohenlohekreis aus Aluminium gegossen. Danach reisen die Rohteile für die Montage über den Schwäbisch-Fränkischen Wald in den Rems-Murr-Kreis und werden zuletzt Ingersheim im Landkreis Ludwigsburg Kunststoff-beschichtet. Die Beschichtung ermöglicht eine Farbgebung in beispielsweise „Apfelgrün“, Flieder“ oder „Schieferblau“, ganz innovativ! 🙂 Die Pressen bekommen ihren Schliff übrigens in Handarbeit, damit sie auch bei besonders langen Spätzle-Sessions gut in der Hand liegt.

Bei der Recherche kam mir der Gedanke, dass wir vom AUFnet Verein beim nächsten Besuch im Fachschaftsraum im Gebäude 9 etwas überprüfen sollten. Und zwar, ob die Fachschaftsküchenzeile spätzlespressen-technisch derzeit gut genug ausgestattet ist. Schließlich müssen besonders die Langzeitstudierenden immer mal wieder Mensa-freie Zeiten überbrücken. Clever, wie unsere Studierenden so sind, werden sie auch bald merken, dass eine Spätzlespresse die Tür zu Kartoffelbrei, Kompott und sogar Smoothies à la Studentenküche öffnet. Bis dahin sagen wir vom AUFnet Verein aber erst mal „Danke“ für eine Erfindung, die so vielen von uns über die Jahre hinweg so viel Zeit beim Kochen gespart hat.

Call for Käpsele

Die Geschichte der Region Baden-Württemberg ist maßgeblich geprägt durch das, was wir als Käpsele bezeichnen würden. Gemeint sind clevere Individuen, welche solche Rollen wie Tüftler*in, Denker*in, Gründer*in, Erfinder*in, Entrepreneur*in, Handwerker*in und besonders Anpacker*in in sich finden konnten und „eine  g’scheiide Idee zu etwas g’scheiides gemacht haben“.

In der Rubrik [Käpsele damals] dieser Blogserie stellen wir eine handvoll dieser Käpsele und ihrer Ideen vor. Wir sind immer auf der Suche nach weiteren Inhalten: Welche Tüftelei- und Gründungsgeschichten aus dem Raum Reutlingen (oder Baden-Württemberg) haben dich besonders motiviert?

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Quellen

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